Einleitung
Viele Aussagen über „Pornosucht“ kursieren in Medien und Foren. Das führt zu Fehldeutungen, Scham oder Bagatellisierung. Im Folgenden nenne ich fünf verbreitete Mythen und widerlege sie auf Basis aktueller Forschung und Ihrer eigenen Dokumente.
Mythos 1 — „Pornosucht gibt es medizinisch gar nicht.“
Korrektur / Befund: Die WHO hat mit der ICD-11 die Compulsive Sexual Behaviour Disorder (CSBD) eingeführt (Code 6C72). CSBD erfasst ein anhaltendes Muster von wiederkehrenden, kontrollverlust-artigen sexuellen Impulsen, die zu deutlichen Beeinträchtigungen führen können. Damit besteht eine offizielle, klinische Einordnung, die auch exzessiven Pornokonsum einschließen kann, wenn die diagnostischen Kriterien erfüllt sind. ; ergänzend: wissenschaftliche Übersichten zur Einordnung in die klinische Praxis.
(Anmerkung: ICD-11 klassifiziert CSBD als Impulskontrollstörung — die Zuordnung zu „Verhaltenssucht“ ist in der Fachdebatte kontrovers, führt aber nicht dazu, dass das Phänomen klinisch irrelevant wäre.)
Mythos 2 — „Nur Männer sind betroffen.“
Korrektur / Befund: Männer weisen in praktisch allen Erhebungen höhere Raten problematischen Konsums auf, doch Frauen und genderdiverse Personen sind keineswegs ausgenommen. In Ihrem Studienvergleich zeigen die repräsentativen Erhebungen deutliche Unterschiede (Markert et al. 2023: Männer 8,3 % vs. Frauen 1,3 %; GeSiD/Briken et al. 2022: Männer 3,2 % vs. Frauen 1,8 %), was statistische Unterschiede, aber keine absolute Ausschließlichkeit belegt.
Fazit: Aufmerksamkeit, Screening und Hilfsangebote müssen geschlechtsübergreifend angeboten werden; die Wahrnehmung „nur Männer“ ist eine irreführende Vereinfachung.
Mythos 3 — „Pornos bereichern automatisch das Sexleben.“
Korrektur / Befund: Pornografie kann sowohl positive als auch negative Effekte haben — je nach Nutzung, Beziehungskontext und individuellen Voraussetzungen. Intensive, habitualisierte Nutzungsformen stehen jedoch häufig im Zusammenhang mit
- erhöhter sexueller Unzufriedenheit,
- veränderten Erwartungen an Sex,
- und bei manchen Betroffenen mit Funktionsstörungen (z. B. erektile Probleme in realen Begegnungen).
Klinische Beobachtungen und Patientinnen-/Patientenberichte in der Literatur sowie in der populären Erfahrung (z. B. „Porno im Kopf“) dokumentieren, dass manche Betroffene beim Partnersex weniger erregbar sind, während Pornokonsum weiterhin problemlos funktioniert — ein Hinweis auf Gewöhnung an stark visuelle, schnell wechselnde Reize. ; siehe auch Übersichtsarbeiten.
Mythos 4 — „Pornosucht ist Charakterschwäche.“
Korrektur / Befund: Die neurobiologische und psychologische Forschung zeigt, dass problematischer Konsum häufig mit Anpassungen des Belohnungssystems (Dopamin-Signale, Sensitivierungs-/Toleranzprozesse) und mit psychosozialen Faktoren (Stress, Depression, Bindungsprobleme, frühe Exposition) verbunden ist. Das erklärt, warum reiner Appell an „Disziplin“ selten ausreicht; stattdessen sind strukturierte therapeutische Interventionen sinnvoll. Empirische Bildgebungsstudien (z. B. Kühn & Gallinat) fanden Unterschiede in Striatum-Volumen und Funktion bei intensiven Nutzern — interpretierbar als Anpassungsprozesse, nicht als moralisches Versagen.
Mythos 5 — „Wenn ich wollte, könnte ich jederzeit aufhören.“
Korrektur / Befund: Genau die Unfähigkeit, dauerhaft zu reduzieren, ist zentrales Kennzeichen von CSBD. Betroffene berichten wiederholt erfolglose Versuche, Kontrollverlust, sowie Entzugs- oder Rückfallmuster. Diese klinischen Merkmale sind nicht Ausdruck von Faulheit, sondern Teil eines dysfunktionalen Regulations- und Belohnungszyklus. Ihre Praxis- und Ratgebertexte beschreiben typische Phasen der Problementstehung und Therapie (Motivation › Beendigung › Stabilisierung) — diese Stufung ist genau das Vorgehen, das professionelle Hilfe strukturieren sollte.

